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St. Jost in der Schweiz

Blatten, ein paar Kilometer westlich von Luzern, der Hauptort für St. Jost in der Schweiz

Wie kommt ein Saint Josse aus der Picardie im Norden Frankreichs als St. Jost in die Schweiz und erhält hier so viele Kirchen und Kapellen? 25 Jahre nach dem grundlegenden Werk von Jost Trier hat Felix Marbach 1947 in seinem detailreichen Beitrag "St. Jost und die Innerschweiz" Jost Triers Arbeit ergänzt und in wichtigen Punkten korrigiert.

Im Unterschied zu Jost Trier zeigt Marbach, dass die J-Verehrung nicht über die Diözese Konstanz kam, sondern unmittelbar aus Frankreich. Es waren wohl die gängigen Geschäfts- und Heerstraßen, auf denen man ihn in die Schweiz mitbrachte. Im Liebfrauenmünster in Zürich (gegründet vor 853) und in der Klosterkirche Schänis im Gaster (vor 820) ist Jost 1285 längst bekannt, als der Altar Oswalds und Jodoks nicht erst gegründet sondern nur versetzt (!) wird. Als die Verehrung in Konstanz ansetzt, steht sie in Zürich und der Innerschweiz schon in Blüte.

Beteiligt an seiner Verbreitung waren sehr unterschiedliche Verehrer Jodoks: "Mönche, Waldbrüder- und schwestern, Ritter, Pilger, Reisläufer und Adelige" (S. 172).
Um die Zeit der zweiten Übertragung der Reliquien Jodoks (1198) entstand in Flandern die Bewegung der Waldbrüder und -schwestern. Diese Begarden und Beginen waren Laien, die sich aus der Welt zurückziehen wollten, aber von den überfüllten Klöstern der Zisterzienser nicht aufgenommen werden konnten. Sie sahen im Einsiedler Jodok ein Vorbild und lebten ihm nach. Auffällig begegnen wir Jost auch in der Schweiz überall, wo die Waldbrüder und -schwestern hausten: Schattdorf, Attinghausen, Eigental, Hünenberg, am Bürgenberg, Ennethorw, Eigental, Kriens, Waldschlag bei Aegeri, Gubel usw.
In der Zeit der Kreuzzüge suchten nicht nur die Ritter den himmlischen Schutz in St. Josse, in Sant Yago oder Rom (vgl. R. von Schauensee, Ritter voan Baldegg), sondern auch die Kreuzzugprediger, die Zisterzienser.

Auffallend sind die vielen fränkisch-karolingischen Bezüge, die Marbach entdeckt hat und maßgebend waren: Beide genannten Klosterkirchen sind Stiftungen und Besitz fränkischer Könige. Der Gründer in Zürich, Ludwig der Deutsche, war fränkischer König und Enkel Karls des Großen, des Besitzers von St. Josse. Schänis - um 820 gegründet vom fränkischen Gaugraf Hunfried -, Galgenen und Fraumünster waren Kronbesitz und standen in Beziehung untereinander. Über ihre Regenten waren sie auch in Verbindung mit den Reichsklöstern St. Josse und Ferrières. Alkuin, Abt von Ferrières, von Karl d. Großen auch zum Abt von St. Josse ernannt, stand im Briefwechsel mit dem Bischof von Chur. Die ältesten Handschriften des Fraumünsters haben nordfranzösischen Charakter.

Im 15. Jahrhundert erlebt die Zentralschweiz eine einzigartige Dichte der Jost-Verehrung. Im 15. Jh. ist der Vorname allgegenwärtig. "Das Luzerner Land ist ein Reservat St. Josts geworden, sein Schongebiet, der Nationalpark des Heiligen im Herzen der Völker." (Marbach 167f). Um 1500 gehört es in Luzern zum "guten Ton", sich in Blatten trauen zu lassen, dort Stifter zu werden, sich Jost zu nennen. Seit Beginn des 16. Jh. werden die Träger dieses Namens unübersehbar. Und sie kommen aus allen Schichten. Die Bewegung erreicht im 17. Jh. ihren Höhepunkt, während in Frankreich seine Abtei abgewirtschaftet wird und schließlich geschleift wird. Der Name Jos, Jost oder Jobst ist als Vor- oder Familienname bis heute in der Schweiz geläufig.

Ernüchternd ist dennoch das abschließendes Fazit Marbachs: Was wir heute finden, sei nur noch "Bruchstück von dem, was einst von St. Jost in der Innerschweiz war und lebte... Das Wenige der Gegenwart sollte aufgezeigt werden, um die Größe der Vergangenheit erahnen zu lassen." (S. 173)

Literatur:
Felix Marbach, St. Jost und die Innerschweiz, Innerschweizerisches Jahrbuch für Heimatkunde 11/12 (1947/48) S. 137-184.