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Vom Biotop zum Reservat

21. August 2011, Patrozinium in Schmerikon:
Jodokus hat eine große Vergangenheit in der (Inner-) Schweiz. Darüber darf sich eine J-Gemeinde beim patrozinium freuen

Liebe J-Gemeinde von Schmerikon, liebe Mitfeiernde, liebes Kollegium.

Warum heute ein Gastprediger aus Niederbayern? Nach 32 Jahren als Pfarrer einer Jodokuskirche sind mir natürlich Jodokus (= J.) und auch Schmerikon schon lange vertraut. Als ich letztes Jahr hier nachfragte, ob ich die J.-Predigten der beiden letzten Jahre bekommen könne, kam mit den Predigten die Rückfrage, ob ich nicht die heutige Predigt übernehmen könne.  

J. ist heute kein Modename mehr für unsere Täuflinge, obwohl es in der Schweiz immer noch mehr Josts geben dürfte als im übrigen Europa zusammen. (Ich habe in meiner Pfarrei einen Jodok beerdigt, hatte da eine Schwester Jodoka und habe keinen einzigen Jodok getauft. Wie siehts da in Ihrer Gemeinde aus? Habe vergessen nachzufragen.)

 Jodokus? Noch nie gehört!
So reagieren jedenfalls die meisten Besucher unserer Kirche. So ähnlich hat vor zwei Jahren auch Urs Bernhardsgrütter seine Erfahrung mit J. beschrieben. Mir erging es nicht anders, als mich mein Generalvikar in die Pfarrei schickte. J. ist heute unbekannt. Aber er muss eine faszinierender Mensch gewesen sein. Letztes Jahr hat Pfarrer Pfiffner J. mit den Superstars von heute verglichen. Wir wissen: J. hat die Menschen beeindruckt. Aber er drängte nicht in die Öffentlichkeit, worum es ja den Stars geht.

Wo aber sucht man
heute Informationen über diesen fast vergessenen Heiligen? Vermutlich doch in den Kirchen, die ihm gewidmet sind! Bei uns war damals jedenfalls nichts zu finden. (Und in Schmerikon?) Auch als Pfarrer sucht man zunächst recht mühsam nach Daten. Der Durchbruch kam für mich erst, als ich entdeckte, dass die Menschen in den verschiedenen Ländern diesen Heiligen ganz unterschiedlich ansprechen: In der Bretagne nennen sie ihn Uzek; in Richtung Normandie wird er Judoce; Josse im übrigen Frankreich; Joost/ Jos(t) nach Belgien rauf, in Norddeutschland/Skandinavien/Polen; Jobst im fränkischen Gebiet; und im slawischen Bereich (Tschechei, Slowenien mit seinen 20 Kapellen) Sweti Joscht. Auf einmal bekommt man eine lange Liste mit J-Kirchen und-Kapellen. Ich habe mir die Mühe gemacht und diese einmal bei Google-Earth einzeichnet.* Da macht man

zwei überraschende Entdeckungen: 
Ein ganzes Netz von J-Kirchen und Kapellen überzieht das mittlere und  nördliche Europa. Auf einmal ist es augenscheinlich: Ja, dieser J. hat zwar Zeit seines Lebens nur in der Picardie gelebt. Nach seinem Tode aber ist er in ganz Europa herumgekommen und wurde neben Jakobus der Pilgerpatron Europas.
Ein zweites fällt auf: Da gibt es zwei Nester, wo J. besonders häufig vorkommt: Die Eifel und die Innerschweiz. Über die Eifelklöster kam seine Verehrung herüber nach Deutschland. Dort wird bis heute noch fleißig gewallfahrtet, meist organisiert von den J-Bruderschaften. Und dann die Schweiz! Der Historiker Felix Marbach bezeichnet die Innerschweiz geradezu als Biotop der Jodokusverehrung. Wie kommt aber J. aus einer Klause in Nordfrankreich in die Schweiz? Die Antwort auf diese Frage möchte ich heute den Predigten der beiden letzten Jahre an die Seite stellen. Bevor wir aber auf die Innerschweiz schauen, möchte ich mit ein paar wenigen Strichen das

Leben Jodoks in Erinnerung rufen: Wie kommt J. selber nach Nordfrankreich?
J. hat einen Migrations-Hintergrund. (Welches Volk hat keinen?) Seine Vorfahren gehören zu den Inselkelten, die im Süden Englands lebten. Als sie von den Angeln und Sachsen immer mehr in den SW zusammengedrängt werden, kommen sie (5.-7. Jh.) über den Kanal herüber auf das kaum besiedelte Festland und nennen es in Erinnerung an die alte Heimat Britannia minor, Bretagne. Jodokus Vater ist der erste König dieser Stämme und Klans. Der ältere Sohn übernimmt die Nachfolge, hat aber bald genug von den ständigen kriegerischen Auseinandersetzungen mit der merowingischen Zentralgewalt. Er bietet deshalb J. die Regentschaft an. Nach kurzer Bedenkzeit flüchtet er. Er schließt sich Pilgern an, die zufällig vorbeikommen und angeblich nach Rom wollen. Als sie in das Gebiet von Herzog Haymon kommen, wird dieser auf den gebildeten jungen Mann aufmerksam. Er behält ihn bei Hofe, lässt ihn Priester studieren. J. bleibt sieben Jahre als Hofkaplan. Aber er hat damit noch nicht seinen Platz gefunden. Haymon wird ihm schließlich an drei verschiedenen Stellen eine Einsiedelei errichten. Es schließen sich ihm Gleichgesinnten an, aus denen die spätere Abtei St. Josse-sur-Mer entstehen wird. Nachdem J. noch seine begonnene Wallfahrt nach Rom nachgeholt hat, stirbt er im Rufe der Heiligkeit. - Nun sind wir also im Norden Frankreichs in der Picardie, um das Jahr 670. - Wie aber kommt J.

I.  aus dem Norden Frankreichs in die Innerschweiz?

Warum gerade die Schweizer für ihn so aufgeschlossen waren, wäre eine ganz eigenes Thema, das sich mit der Mentalität und Religiosität der Menschen befassen müsste. Ich kann hier nur die unterschiedlichen Wege aufzeigen, auf denen J.  in die Schweiz eingewandert ist:

Die Einsiedler und Mitbrüder an seiner Klause waren sicher die ersten, die für J. Reklame gemacht haben. J. muss sie fasziniert haben. Als sie später die Ordensregel Benedikts übernahmen, kamen sie dadurch in Kontakt mit anderen Benediktinerklöstern. Über Gebetspatenschaften untereinander und die Jahreskalender berichtete man sich gegenseitig von heiligmäßigen Mitbrüdern. So wurde J. schnell über große Entfernungen bekannt, z. B. in Trier, Paris, Salzburg, Brüssel, usw. Die ersten beiden Stationen in der Schweiz, die J. kennen, waren genau zwei solche Klöster: das Fraumünster in Zürich und Schänis im Gaster (bereits 1. Hälfte des 13. Jh.).

Sein Ruf verbreitet sich in der unmittelbaren Umgebung. Die Menschen von der nahen Küste kommen; aber auch Missionare und Pilger aus England und Irland, die in Sichtweite am nahen Hafen landen. Sie begegnen damit bereits an der ersten Station auf dem Festland den Berichten vom heiligen Gründer und nehmen ihn als hilfreichen Patron mit auf dem Weg hinein nach Europa und in die Schweiz. Ab Mitte des 13. Jh. wird er selber immer öfter ein Ziel für Pilger. Auf dem Höhepunkt der Pilgerbewegung heißt es sogar: Wem Santiago zu weit ist, der geht nach Saint Josse!

In Flandern entsteht nach 1200 mit den Waldbrüder und schwestern (Begarden und Beginen) eine neue religiöse Bewegung. Das waren Laien, die sich aus der Welt zurückzogen, aber in den überfüllten Klöstern keinen Platz fanden. Für sie war J. natürlich der ideale Patron. Sie bringen J. mit in die Schweiz. Überall, wo wir sie antreffen, treffen wir auch auf J. Einige Ortsnamen dazu: Schattdorf, Attinghausen, am Bürgenberg, in Ennetbürgen, Eigental, Kriens, Hünenberg, Waldschlag bei Aegeri,  Gubel usw.  (gleicher Lebensstil: Jodokus Waldbrüder und schwestern Nikolaus vom der Flüe).

In der Zeit der Kreuzzüge gewinnen die Ritter ihre besondere Bedeutung. J. wird nicht nur ein Lieblingsheiliger der Kreuzzugprediger. Die Ritter selber sehen in ihm einen Mann Ihresgleichen (herzogl. Abstammung!). Sie  wollen es ihm und seinem Gönner Herzog Haymon gleichtun und fördern seine Verehrung. Etliche sind namentlich bekannt: Ritter von Baldegg (widmet ihm seine Kapelle), von Hospental, Silenen. Einen muss man besonders herausheben: Der begüterte Rudolf von Schauensee verfasst 1287 vor seiner Pilgerfahrt nach Saint Josse sein berühmtes gewordenes Testament. An all den von ihm genannten und vergebenen Stätten im Luzerner Bereich entstehen Brennpunkte der J-Verehrung.

Dass ein Testament vor der Wallfahrt keine Übertreibung war, zeigte sich bereits ein paar Jahre später, als 17 Pilger aus Schattdorf und Umgebung auf der Pilgerfahrt umkommen. Allseits großes Entsetzen. Aber das Unglück hatte keinen Einfluss auf die weiter zunehmenden Pilger- und Bußfahrten nach St. Josse.

II. Was hat die Menschen an Jodokus so fasziniert?

Die Menschen des Mittelalters lebten in einer völlig anderen Lebens- und Glaubenswelt, die wir uns heute nicht mehr vorstellen können. Weil man viel weniger naturwissenschaftliche Kenntnisse hatte, medizinisch wirklich noch im MA steckte, waren den Menschen das Jenseits, Gott und die Heiligen umso näher. Und wo es keine natürlich Hilfen gab, musste man sich umso mehr um über-natürliche Hilfe bemühen. Adressaten waren die (14) Nothelfer, die zwischen Gott und der Welt vermitteln mussten. Von  J., dem 15. Nothelfer, wusste man: Er hatte verschiedenen Menschen geholfen. Warum sollte er nicht auch ihnen helfen können! Gute Erfahrungen und besonders Wunderberichtet hat man deshalb begierig aufgenommen und untereinander als Geheimtipp ausgetauscht.

Die ersten, die von Jodokus fasziniert waren, waren sicher die Männer, die an der letzten Klause mit ihm zusammen gelebt hatten. Wäre er einer Ihresgleichen gewesen, hätte man ihn beerdigt und alles wäre zu Ende gewesen. Aber man wollte ihn gar nicht beerdigen. Er sollte auch nach seinem Tode ihnen ganz nahe sein. (Zwei Neffen sollen ihn über Wochen rasiert, die Nägel und Haare geschnitten haben, bis er schließlich doch beigesetzt wird/werden musste.) Man erzählt sich die Wunder, die vor und nach seinem Tod geschehen sind. Wer so gelebt hat, gehört zu den Heiligen! Ihr Vertrauen zu J. ist ansteckend für die Menschen, die an sein Grab kommen.

J. ist heil von seiner Pilgerfahrt nach Rom zurückgekommen. Die Matrosen und ihre Familien von der nahen Küste wissen, wie viele auf See geblieben sind. Auch die Passagiere von den Inseln haben ihrerseits  unbekannte Wege vor sich. Sie nehmen das Vertrauen zu  J. in ihrem Gepäck mit. Karl d. Gr. schickt sogar seinen Kultusminister Alkuin als Abt nach St. Josse, damit er für die Passagiere und Pilger, die am Hafen Quentovic an Land gehen, gleich eine gediegene Herberge errichtet. So steht J. bereits am Anfang ihres Weges als Patron der Pilger und Seeleute.

Wenn ein Heiliger helfen kann, werden die Bauern (und Winzer) hellhörig. Kein Berufstand ist so vielen Zufällen ausgesetzt und deshalb auf Hilfe von oben so angewiesen wie sie. Wie vieles im Laufe eines Jahres muss sich fügen, damit es ein gutes Jahr wird. So wird er schnell zum Patron der Bauern, den man anruft bei Sorgen in Haus und Hof, in Stall und Feld. St. Jost ist des Bauern Trost! Dass sich auch die Winzer anschließen, ist nur naheliegend.

d) Er hat ein blindes Mädchen geheilt. Warum sollte er ihren Kranken nicht helfen können? Das Vertrauen zu J. ist die Krankenversicherung der armen Leute. Und das ist mehr als nur Placebo-Hilfe. Naheliegend, dass er als Begleiter auch gefragt ist, wenn es in einer letzten Krankheit auf das Sterben zu geht, besonders in den Zeiten der Pest. So wird er bald Patron der Hospize und Siechenhäuser, die sich außerhalb der Stadtmauern besonders der unheilbaren Leprakranken annehmen. Bis heute trägt eine ganze Reihe von Friedhofkapellen oder Beinhäusern noch seinen Namen.

J., ein Heiliger also, den man anrufen konnte von der Wiege bis zur Bahre. Leere Kinderwägen bei der großen Prozession in St. Josse in der Pfingstwoche haben uns verwundert. Die einfache Erklärung: J. hilft, wenn der Kinderwunsch sich noch nicht erfüllt hat. Unverheiratete Mädchen setzten ihre letzte Hoffnung auf ihn (St. Jost, gib der Chatz en guote Trost! St. Jost, der alten Meitlein Trost. In Ennetbügen hieß es: Heiliger St. Jost, gim-mer ai ä Trost! Sig er mager oder feißt, wenn er nur Mandli heißt.)
Schließlich führte man auch zum Tode Verurteilte in Meisterswil und in Zug vor der Hinrichtung noch bei J. vorbei (Galgenkäppeli), damit er sie auf den letzten Metern begleite.

Es müssen viele gute Erfahrungen der Menschen in der Innerschweiz zusammengekommen sein, die sich alle in  J. bündelten. Jost ist als Tauf- und Familienname in allen Schichten beliebt. Wer z. B. in Luzern etwas auf sich hält, heiratet in Blatten, stiftet dort großzügig (Bilderzyklus!). Fast jede Pfarrkirche hat eine Darstellung oder einen Altar mit J.; es gibt über 20 J-Kirchen und Kapellen. Der 13. Dezember wird 1469 gesetzlicher Feiertag!

Im 15. Jh. hat die J-Verehrung ihren Höhepunkt in der Innerschweiz.

Während im übrigen Europa mit den Glaubenswirren der Reformation das Wallfahren abrupt abbricht und J. langsam vergessen wird, hält diese Blüte in der Schweiz noch fast 200 Jahre länger an.
Doch: Auch über die Schweiz kamen unaufhaltsam Aufklärung und Säkularisation.

III.  Was bedeutet Jodokus uns heute?

Übrig geblieben sind uns seine Kirchen und Kapellen als Zeugen eines gelebten Glaubens. Aber was von all dem, was bis heute im kollektiven Gedächtnis noch aufbewahrt ist, können und wollen wir selber erhalten und weiter pflegen?

Unser Glaube schaut heute völlig anders aus. Wir sind aufgeklärt und entmythologisiert. Das kann gar nicht anders sein. Wir werden deshalb J. keine Wunder mehr abverlangen, für die wir ihn gar nicht zuständig halten. Deshalb kommt uns auch nicht mehr in den Sinn, vor einer großen Fahrt J. anzurufen; wir schließen eine Reiseversicherung ab. Vor einer Operation wenden wir uns nicht an den médecin saint Josse, sondern suchen uns einen guten Chirurgen. Unser Vertrauen, unser Placebo wirkt heute völlig anders. Und: Wer von uns hat schon an eine Wallfahrt zu ihm gedacht, und sei es nur nach Blatten oder Galgenen, (beide Kirchen werden gegenwärtig aufwändig saniert)? Wir fahren höchstens einmal anlässlich eines Pfarrei-Jubiläums mit dem Bus in die schlichte Dorfkirche in der Picardie, wo seine letzten Spuren, die Reliquien aufbewahrt werden.

So feiern wir heute das Patrozinium, den Namenstag Ihrer Pfarrei. Unser Blick zurück hat uns gezeigt, mit welch unbeschwertem Vertrauen unsere Vorfahren sich J. zuwenden konnten, noch nicht verunsichert durch unsere heutigen Fragen und Zweifel. Was kann dieser J. mir und uns als J-Gemeinde von heute noch bedeuten?  Die Schuhe unserer Vorfahren passen uns nicht mehr. Wir werden einen neuen Weg zu unserem Pfarrpatron suchen müssen, wenn er für uns Bedeutung behalten soll.

Ähnlich wie in der Zeit der Aufklärung erleben wir gegenwärtig mit dem Umbruch unserer Lebenswelt zugleich einen Umbruch der Glaubenswelt. In einer Zeit, in der junge Leute sich zusehends verabschieden von den Formen und Praktiken der traditionellen Religiosität, genügt es natürlich nicht mehr, auf ein paar Wunder und auf eine große Vergangenheit zu verweisen. Das ist Geschichte. Wenn wir uns J. erhalten wollen, müssen wir wohl versuchen, das Wesentliche in seinem Leben zu entdecken: also die treibende Kraft, die ihn  schon bewegte hat, als er als junger Mann von daheim aufbrach.

Ein Ziel haben ist die größte Triebkraft im Leben eines Menschen. (V. E. Frankl) stand zufällig auf dem Zuckerwürfel beim heutigen Frühstück. Kürzer hätte man Js Leben nicht zusammenfassen können. J. hatte ein Ziel. Station für Station hat er sich anzunähern versucht. Das haben seine Mitbrüder erlebt. Sie spürten: Wer so lebt, den braucht Rom nicht erst heilig zu sprechen. Der ist auf dem richtigen Weg zu Gott. Es ist die Kraft, die auch in jedem von uns am Werk ist, solange wir auf der Suche nach einem erfüllten und gelungenen Leben sind. Heute sind wir gefragt, ob wir uns von unserem Pfarrpatron anstecken lassen und uns mit ihm auf den Weg machen.

Tradition ist, nicht die Asche zu bewahren,
sondern das Feuer weiterzugeben.

Alfred Rössler, Pfr. i. R.